+49 7220 213 info@gf-vb.de
Dossier: Der Mittelstand muss Nachhaltigkeit leben!

Zuerst einmal: Die Autoren des im Mai 2013 unter dem Label der FAZ erschienenen und sehr lesenswerten Buches „Ressourceneffizienz – Innovationstreiber von morgen“ schrieben in ihrem Vorwort das Folgende: „Wer als Unternehmen Einsparungen bei Material- und Energiekosten bewerkstelligen kann, muss weniger über zu reduzierende Personalkosten nachdenken und hat allgemein weniger auf der Kostenseite zu verbuchen – was mehr Spielraum auch in schlechten Zeiten schafft, wenn es also ums Überleben gehen sollte.“ Ferner betonen sie: „Ressourceneffizienz besitzt auch eine zweite, sozioökonomische Dimension. Wir alle stehen vor der Aufgabe, den nachfolgenden Generationen eine möglichst intakte Umwelt zu hinterlassen.“

Dieses Buch hat mich inspiriert – wie kann es auch anders sein ? – den Bogen etwas weiter, nämlich in Richtung IT, zu spannen. Also: Welche Rolle spielt in diesem Kontext die IT? Und überhaupt: Ist der Nachhaltigkeitsgedanke ohne die konsequente Nutzung und Weiterentwicklung der IT „nur“ ein Sturm im Reagenzglas? Schauen wir mal.

In den letzten drei bis fünf Jahren haben sich das Arbeits- und Lebensumfeld im Rahmen einer immer noch voranschreitenden „digitalen Revolution“ bereits umfassend verändert. Und die Taktfrequenz ist nach wie vor hoch: Das Hauptaugenmerk des umfassenden IT-Einsatzes in Unternehmen lag bislang auf

  • Effizienz durch Rationalisierung und Prozessautomatisierung,
  • Steuerung und Kontrolle von Prozessen und deren Ergebnissen,
  • Wirtschaftlichkeit durch optimierten Ressourceneinsatz.

Was hat das alles mit Nachhaltigkeit zu tun?

Die Miniaturisierung, Digitalisierung, Konsumerisierung und vor allem Vernetzung von IT in der Lebens- und Arbeitswelt kann dem Streben nach Nachhaltigkeit sehr dienlich sein. Damit die IT dem Ziel der Nachhaltigkeit in seiner ökonomischen und ökologischen Bedeutung umfassend entsprechen kann, ist es aus meiner Sicht unabdingbar, sie konsequent zu integrieren und laufend bedarfsgerecht an die inneren und äußeren Gegebenheiten anzupassen.

Dabei ist die Nachhaltigkeit von Unternehmen (und letzten Endes jedes Individuums) im Kontext des IT-Einsatzes aus zwei Blickwinkeln zu betrachten:

1. Ist die IT selbst nachhaltig, also auf sparsamen Einsatz von Ressourcen wie Rohstoffen und Energie, Geräterecycling etc. bedacht? Oder frisst die Masse an Devices durch ihren Rohstoff- und Energieverbrauch sowie den Verpackungs- und Gerätemüll sämtliche Vorteile wieder auf?

Diese Kriterien werden in einem nachhaltig arbeitenden Unternehmen immer und in allen Bereichen eine Rolle spielen. Detaillierte Informationen hierzu finden sich in Form von Leitfäden auf dem vom Umweltbundesamt und BITKOM unterhaltenen Portal www.itk-beschaffung.de

2. Kann die allumfassende, komplett vernetzte IT die Unternehmen und ihre Kunden bei der Nachhaltigkeit in Geschäft und Alltag unterstützen? Beispielsweise bei ökologisch fairer Beschaffung, energiesparender Produktion, optimaler Rohstoffnutzung, CO2-armem Transport, neuen Geschäftsmodellen (etwa die automatische Überwachung von vernetzten Heizanlagen und Fitnessgeräten), Überwachung und Steuerung von Stromnetzen bis hin zum kleinsten Energieerzeuger bzw. -speicher etc.

Dass wir in unseren Unternehmen verstärkt auf nachhaltige IT setzen, ist keine Reaktion auf einen Hype. Dazu sagt zum Beispiel Dr. Georgios Rimikis, Senior Manager Solutions Strategy bei Hitachi Data Systems: „Nachhaltigkeit wird inzwischen meist schlicht und einfach vorausgesetzt. Strompreise mögen diese Diskussion weiter angefacht haben. Mittlerweile wird jedoch Nachhaltigkeit in einem größeren Kontext gesehen.“ Auch Beispiele aus Untersuchungen des Beratungsunternehmens McKinsey belegen dies:

  • Automatisierungsmaßnahmen und intelligente Motorensteuerungen senken den Energieverbrauch in der Produktionskette.
  • Intelligentes Energiemanagement beziehungsweise Gebäudebewirtschaftungssysteme senken den Energieverbrauch gewerblich genutzter Gebäude.
  • Der CO2-Ausstoß kann durch den Einsatz elektrischer Energie aus so genannten intelligenten Stromnetzen (Smart Grids) verringert werden.
  • Intelligente Routen- und Frachtplanung senkt den CO2-Ausstoß in Transport und Logistik.

Was zählt, ist der Dialog

Durch die intelligente Verknüpfung mit Geschäftsprozessen sowohl in der Produktion als auch in der Erbringung von Dienstleistungen kann die IT ihren Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit allen Ressourcen leisten, die im Unternehmen zum Einsatz kommen. Mit Engagement und durch bewusstes Handeln kann eine Annäherung an dieses Ideal erfolgen. Wir „Mittelständler“ sind flexibel und innovativ. Wir können mit dem wohl überlegten Einsatz von IT die Nachhaltigkeit unserer Unternehmen im Sinne von Wirtschaftlichkeit und verantwortungsbewusstem Ressourceneinsatz optimieren – wenn wir es nur wollen!

Um dies erreichen zu können, braucht es eine laufende Beobachtung des IT-Markts sowohl durch uns, die Geschäftsentscheider, als auch durch unsere „internen Coaches“, die IT-Verantwortlichen. Essenziell ist dabei auch die Erkenntnis, dass der eine nicht ohne den anderen erfolgreich sein kann.

Was uns entscheidend weiterbringt ist der Dialog zwischen uns und den kleinen und mittelständischen IT-Partnern vor Ort, die Lösungen implementieren, sowie mit den Herstellern von Hard- und Software sowie den Dienstanbietern (Stichworte „Managed IT Services“ und „Cloud Computing“).

Wie geht das in der Praxis?

Ich kann aus meinem Umfeld ein konkretes Beispiel für den erfolgreichen, lösungsorientierten Dialog eines Unternehmens der „None-IT-Wirtschaft“ mit einem IT-(Service-)Anbieter und seinen Erfolg in Form einer Lösung nennen, die für mehr Nachhaltigkeit sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch sorgen kann.

Die LKWs einer Spedition sind mit Tempomaten ausgestattet. Diese geben an einer Steigung so lange Vollgas, bis sie die gesetzte Geschwindigkeit überschreiten, also auf dem Höhepunkt der Kuppe angekommen sind. Dann geht es wieder bergab. Also Schubbetrieb. Womöglich sogar abbremsen und verheizen der gewonnenen Hub- und Bewegungsenergie. Das macht keinen Sinn und spart auf keinen Fall Energie.

Die Lösung: Die Spedition spricht das Problem beim Lieferanten des im Unternehmen eingesetzten LKW-Navigationssystems an. Dessen Experten sprechen mit dem LKW-Hersteller. Zusammen entwickelt man einen besseren Ansatz. Der sieht vor, dass der Tempomat über GPS mit den Geodaten des LKW und denen der Straße (aktuelle Position des Fahrzeugs und Straßenverlauf mit Steigungen, Gefällen, Kurven, Kreuzungen etc.) verbunden wird. Dann kann schon vor Erreichen der Straßenkuppe das Gas zurückgenommen werden. Die Geschwindigkeit fällt dann möglicherweise etwas unter den vom Fahrer gesetzten Wert. Der Verlust an Zeit ist aber unerheblich, weil sich der Gewinn durch eingesparten Treibstoff und weniger abgenutzte LKW-Bremsen summiert.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und verbinden zum Beispiel bei einem Kühllastwagen die Tempomat-, GPS- und Motordaten (Geschwindigkeit, Last, Temperatur und Stromproduktion der Lichtmaschine) mit der Kühlanlage des Kühlkoffers. Deren Antrieb ist in der Regel ein Dieselmotor mit angeschlossenem Kühlkompressor und dieser kann dann bei Bergabfahrten (Schubbetrieb) automatisch auf Lichtmaschinenstrom umgeschaltet werden – und so die freigesetzte Energie nutzen.

Hinter diesem System steckt nicht mehr und nicht weniger als die intelligente Verknüpfung von Messgeräten, Hardware, Software und Steuerung. Also keine Raketentechnik. Alles, was für die Umsetzung nötig ist, gibt es im Prinzip schon lange. Man muss nur weit genug denken und alles so entwickeln und bauen, dass der ökologische und ökonomische „Fußabdruck“ des Gesamtsystems über den gesamten Lifecycle kleiner ist als seine Nachhaltigkeitseffekte im selben Zeitraum. Effekte einer solchen Entwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit alleine in diesem System sind beispielsweise:

  • weniger Dieselverbrauch beim LKW durch rechtzeitige Schubreduktion vor der Kuppenspitze
  • weniger Bremsenverschleiß beim LKW bei Schubbetrieb bergab durch erhöhten Widerstand der Lichtmaschine, erzeugt durch die Stromabnahme des Kühlaggregats
  • weniger Dieselverbrauch beim Kühlaggregat durch Abnahme überschüssiger elektrischer Energie aus der Lichtmaschine des LKW

Von den positiven wirtschaftlichen Auswirkungen auf eine ganzen Branche und der Schaffung von Arbeitsplätzen für Entwicklung, Bau, (Fern-)Wartung und so weiter der Systeme ganz zu schweigen.

Call to Action

Die Beschaffenheit aller Märkte mit den Faktoren Volatilität und Intransparenz, der technische Fortschritt und politische Entwicklungen werden dafür sorgen, dass der angestrebte Idealzustand in Sachen wirtschaftliche Nachhaltigkeit nicht zu 100 Prozent erreichbar ist. Auch eine vollständige, länger gültige und im Sinne der Nachhaltigkeit positive „Ökobilanz“ der im Unternehmen eingesetzten IT lässt sich nicht in Stein meißeln, sondern wird immer fließend bleiben. Beides ist aber ein unbedingt erstrebenswertes Ziel für uns Unternehmer. Um dieses Ziel im Visier zu behalten, müssen wir uns die folgenden Fragen stellen:

  • Ist die eingesetzte IT selbst hinsichtlich Energie- und Rohstoffverbrauch über den gesamten Lifecycle inklusive des Recyclings nachhaltig?
  • Können mithilfe des IT-Einsatzes Ressourcen wie Beschaffung, Produktion, Logistik, Gebäude etc. im eigenen Geschäftsbetrieb optimal eingesetzt werden?
  • Können Produkte so (weiter)entwickelt werden, dass sie selbst während ihres Lifecycles (vom ersten Einsatz bis hin zum Recycling) Energie- und Betriebsstoffe optimal einsetzen?
  • Ist der nötige IT-Einsatz so ausgelegt, dass er den Ressourcenverbrauch des Unternehmens insgesamt senkt?

Wenn wir hier „am Ball“ bleiben und den zuvor genannten Dialog führen, ist mir um die Nachhaltigkeit unserer Geschäfte auch in Zukunft nicht bange!