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Reine Energiesparmodelle zu entwickeln und den CO2-Ausstoß als zentralen Indikator zu verwenden ist schlichtweg zu kurz gedacht. Laut Professor Schmidt-Bleek, Ökonom und Initiator des World Resources Forum in Davos, müssen der gesamte Ressourcenverbrauch und die entstehenden Umweltschäden in Bezug auf Beschaffung, Transport und Herstellung von Produkten mit eingeschlossen werden. Eine maßgebliche Forderung dafür ist, dass der globale Jahresverbrauch an nicht nachwachsenden Rohstoffen pro Kopf 6–8 Tonnen nicht übersteigen darf.

Deshalb muss die zukunftsweisende Entwicklung lauten: IT for Sustainability! Denn IT schafft die Voraussetzung für die globale Vernetzung. IT ist die Basis für Forschung und Entwicklung. IT erlaubt die Steuerung von jedweden Abläufen und Prozessen. IT verbindet die Anforderungen der Wirtschaft mit den Bedürfnissen der Menschen.

Man stelle sich zum Beispiel vor, welche Einsparpotenziale sich ergeben würden, wenn die Ressourcenintensität einzelner Werkstoffe und Produkte in einer globalen Datenbank gesammelt und frei abrufbar wären. Optimierung bis hin zur perfekten Sustainability von Produkten und gleichzeitig ein umweltschonender Umgang mit unserer Ökosphäre wäre möglich. Was wäre also, wenn wir der Wegwerfgesellschaft den Rücken kehren und eine neue Ära der Sustainability einläuten würden?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir Professor Schmidt-Bleek zu seinen Ansichten über IT und Sustainability befragt.

Ob in der Wirtschaft, der Wissenschaft oder im privaten Bereich, die Informationstechnologie vereinfacht und beschleunigt überall Prozesse der Datenvermittlung und -verarbeitung. Denken Sie, dass uns die IT auf dem Weg zur Nachhaltigkeit „anschieben“ kann?
Prof. Schmidt-Bleek: Ohne jeden Zweifel. Gerade im Bezug auf Datenverfügbarkeit, -vermittlung und -vergleichbarkeit kann uns die IT unterstützen. Denken Sie nur einmal an wissenschaftliche Messungen – beispielsweise bei der Tsunami- oder allgemein der Unwetterwarnung. Das zeigt, wie wichtig eine umfangreiche Echtzeitauswertung /-übermittlung von Daten ist.

In Gesprächen mit mittelständischen Entscheidern konnten wir feststellen, dass nachhaltiges Produzieren zu einem wichtigen Thema in der Industrie wird, denn auch hier steigen die Kosten für Ressourcen – trotz hoher Subventionen – stark an. Laut Ihren Thesen müssen wir die Ressourcenintensität senken, um unsere Zukunft zu sichern. Haben wir Ihrer Meinung nach den „Point of no Return“ schon überschritten oder können wir noch einlenken?
Prof. Schmidt-Bleek: Einen wirklichen Point of no Return kann man nicht wirklich festlegen, da es ein schleichender Prozess ist, in dem die lebensnotwendigen Funktionen der Ökosphäre von uns zerstört werden. Den Punkt, an dem das ernsthaft und nachweislich angefangen hat, den haben wir schon lange überschritten. Jetzt geht es darum, uns dabei auszubremsen, in der Geschwindigkeit weiterzumachen, und das wird teuer. So gesehen gibt es eher einen wirtschaftlichen Point of no Return, den wir dann erreichen, wenn wir alles ausgeben müssen, um uns vor den Folgen unserer Taten zu schützen.

Sie fordern eine zügige Senkung des Ressourcenverbrauchs um Faktor 10. Für einige ist die Umsetzung dieses Ziels sicher eine ungeliebte Holzhammermethode, welche Argumente führen Sie dagegen ins Feld?
Prof. Schmidt-Bleek: Wenn ich von sogenannten Wirtschaftswissenschaftlern höre, dass sie die gesamte Weltwirtschaft zukünftig mit Biomasse betreiben wollen, dann kann ich nur dagegenhalten, dass das absoluter Unfug ist. Sie können einen Zahnarztbohrer und Ähnliches nicht aus Biomasse bauen, dafür werden andere Ressourcen benötigt, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Wir müssen ja auch nicht gleich zurück in die Steinzeit. Der weltweite Pro-Kopf-Jahresverbrauch an Ressourcen sollte sich um die 6–8 Tonnen bewegen. Das wäre bei uns eine Reduzierung um Faktor 10, in den USA um Faktor 18, in Japan um etwa Faktor 7,5 – und dafür könnten Entwicklungsländer sogar noch etwas zulegen. Sie müssen verstehen, dass das kein Heilmittel ist, unsere Erde hat nun einmal nur ein begrenztes Maß an Ressourcen, und wir spielen mit der Stabilität unserer Ökosphäre. Durch die länderspezifische Reduzierung erkaufen wir uns Zeit, um auf lange Sicht Technologien zu entwickeln, die es uns erlauben, weiter zu bestehen.

Wo müsste dieser besagte Holzhammer denn am ehesten niedersausen, um die größten Einsparpotenziale zu schaffen, und wo könnte Ihrer Meinung nach eine technologische Weiterentwicklung seitens der IT einhaken, um Probleme zu lösen?
Prof. Schmidt-Bleek: Die generelle Antwort ist, dass man immer dort anfangen sollte, wo man durch kleine Veränderungen eine möglichst große Wirkung erzielen kann. Das heißt, wir sind in Produktspektren, in denen der Gesamtverbrauch an Ressourcen besonders hoch ist. Da sind wir in den Bereichen Bauen, Leben, Mobilität und der Landwirtschaft.

„Green IT“ ist eine Begrifflichkeit, die in der jüngsten Vergangenheit noch ziemlich gehypd wurde, jetzt aber etwas unbeachtet vor sich hin dümpelt. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung und sehen Sie in diesem Trend Potenzial zur spürbaren Ressourcenschonung?
Prof. Schmidt-Bleek: Ich habe immer Schwierigkeiten mit dem Begriff „Green“, denn ich bezweifle, dass irgendjemand in dem Bereich diese Begrifflichkeit je definiert hat. Green würde für mich bedeuten, dass ein Produkt mit dem kleinstmöglichen Aufwand an Ressourcen produziert und zusätzlich dessen Lebensdauer maximiert wird. Mit Ressourcen meine ich hier nicht nur elektrische Energie, sondern die Beschaffung der Rohstoffe, die zurückgelegte Strecke bei den Transportwegen, die durch den Abbau erzeugte Erosion usw. Deshalb ist der Grundgedanke zwar schön und gut, wir sind aber noch meilenweit von einer sinnvollen Umsetzung entfernt. Die Wirtschaft muss sich grundlegende Gedanken über die Ressourcenintensität machen und dementsprechend handeln, erst dann können wir von „Green“ sprechen.

Kann die deutsche Wirtschaft Ihrer Meinung nach hier mehr für die Nachhaltigkeit unternehmen?
Prof. Schmidt-Bleek: Ich halte ja immer sehr viel von einer Vorbildfunktion. Solange nicht jemand zeigt, dass es Verbesserungspotenzial gibt und dass man es effizient nutzen kann, macht es eben auch niemand. Gerade Deutschland steht wirtschaftlich noch sehr gut da, wir hätten also das Potenzial es den anderen vorzumachen. Die meisten machen sowieso nur nach und richtige Innovation findet nicht so häufig statt – leider.

Ist die globale Vernetzung im Bezug auf die Nachhaltigkeit für Sie eher ein Fluch oder Segen?
Prof. Schmidt-Bleek: Weder noch. In manchen Bereichen wie der Wissenschaft und Forschung brauchen wir sie dringend. Das Beispiel mit der Tsunami-Warnung ist hier wieder gut, denn solch ein Ereignis ist in den meisten Fällen nicht nur national begrenzt und durch die Vernetzung partizipieren auch angrenzende Staaten davon. Darüber hinaus können sich Forscher so auch wesentlich besser – und vor allem schneller – über Ergebnisse oder Neuerungen austauschen und so neue Technologien effizienter vorantreiben. Wo ich allerdings absolut dagegen bin, ist die Möglichkeit, Millionen und Trillionen von Euro und Dollar in Sekundenschnelle um die Welt zu jagen, mit dem einzigen Zweck, damit möglichst viel Geld zu verdienen. Das ist ein grundsätzlicher Fluch unserer Weltwirtschaft, mit dem wir – wie wir ja gerade sehen – gegen die Wand laufen.

Denken Sie, dass wir aktuell auf einem guten Weg sind, um von der rein gewinnorientierten Denkweise abzurücken und nachhaltig zu wirtschaften?
Prof. Schmidt-Bleek: Ich befürchte nein. Es entstehen zwar immer wieder Technologien, die sparsamer im Ressourcenbedarf sind, allerdings nur mit wirtschaftlichen Hintergedanken. Das heißt, die Produktionskosten der Herstellungsprozesse sind günstiger als bisher. Dass der Prozess dadurch „grüner“ wird, ist nur ein positiver Nebeneffekt. Was man allerdings festhalten kann, ist, dass die jüngere Generation anfängt, bewusster zu leben und zu handeln. Auch im Mittelstand gibt es Tendenzen hin zu mehr Nachhaltigkeit, weil dort die Kosten für Ressourcen steigen. Das lässt mich hoffen, dass es zu einem baldigen Einlenken kommt.

Müssten hier nicht die Bundesregierung und die Verbände einhaken, um etwas zu verändern bzw. zu verbessern?
Prof. Schmidt-Bleek: Sie sollten – ja, tun es aber nur sehr zögerlich. Dabei hätten wir durch die ITK-Branche und beispielsweise Big Data die Möglichkeit einen globalen Datenhafen aufzubauen, in dem wir die verschiedensten Materialien, ihre Herstellungsprozesse und damit ihre ökologischen Rucksäcke zusammenführen könnten. Stellen sie sich mal vor, was man damit machen könnte, welches Optimierungspotenzial da dahintersteckt. Es würden die Hersteller, die Endkunden und die Ökosphäre davon profitieren. Und das Beste daran ist, die Daten sind ja auch da bzw. würden sich schnell beschaffen lassen. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie hat hier schon viele Daten gesammelt, es fehlt nur an einer allgemein zugänglichen Plattform und den Geldern, um sie zu betreiben.

Also hätten wir die Basis, um zu handeln, aber Sie liegt größtenteils brach?
Prof. Schmidt-Bleek: So ist es. Dabei ist die Regierung ja sonst auch nicht geizig, wenn es sich um die Verfügbarkeit von Daten dreht. So etwas ist absolut notwendig, aber um das in Gang zu bringen, muss der Mittelstand sagen: „Hey, Leute, wir können gar nichts verändern ohne die Daten!“ Es hängt an der mangelnden Lobby und den Geldern, die Umsetzung ist dann kein Problem.

Dann bedanken wir uns recht herzlich für Ihre Zeit und hoffe, dass wir die gewünschte Vorreiterrolle bald einnehmen können.

Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek

Präsident des Factor 10 Institute

Professor Friedrich Schmidt-Bleek ist Kern- und Physikochemiker, Ökonom und Autor. Er ist Gründungsdirektor des Appalachian Resources Project und des University of Tennessee System Environment Center. Weiterhin Entwickler des deutschen Umweltforschungsplanes, der deutschen Umweltprobenbank sowie des Chemikaliengesetzes. Er hatte Leitungsfunktionen bei der OECD und beim International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) inne.

Curriculum Vitae / factor10-institute.org